Kongressrückblick Gesundheitskongress des Westens 2026
Save the date: Gesundheitskongress des Westens am 20. und 21. April 2027 in Köln
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Kongressrückblick 2026
"Produktivität freisetzen! Ambitionen leben!“
Eröffnung „Produktivitätssteigerung, Gerechtigkeit und Zukunft – Wie gelingt der Transformationsprozess im deutschen Gesundheitswesen?
Bei der Auftaktveranstaltung stimmte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Dr. Georg Kippels, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine intensive Reformdebatte ein. Das Gesundheitswesen stehe vor großen finanziellen und strukturellen Herausforderungen, sagte Kippels. Gerade deshalb brauche es nun „Entschlossenheit, Klarheit, Überzeugungen“, um die wichtigen Weichen für die Zukunft zu stellen.
Zugleich betonte der BMG-Staatssekretär, dass es nicht allein um Finanzen gehe. Das Gesundheitswesen müsse seine Strukturen an neue Herausforderungen anpassen, vorhandene Kapazitäten besser nutzen und mit flexiblen, modernen Versorgungsformen sowie digitalen Lösungen die Versorgung sichern.
Der Publizist, frühere Handelsblatt-Herausgeber und Gründer von The Pioneer, Gabor Steingart, machte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in seiner Eröffnungsrede Mut, den Wert des Gesundheitswesens selbstbewusst zu vertreten. Eine Reformdebatte dürfe sich nicht allein auf Kostendämpfung verengen. Sie müsse im Sinne des Kongressmottos über den Tag hinausdenken, Produktivität freisetzen und Ambitionen ermöglichen. In einer älter werdenden Gesellschaft bekommen Risiken zwar mehr Raum als Chance: „Fear sells“. „Es gibt aber keinen Grund für Fatalismus“, machte er deutlich. Deutschland habe tolle Voraussetzungen und Ressourcen, um die Herausforderungen zu bewältigen.
In der anschließenden Diskussion machte Günther Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, deutlich, dass Produktivität im Gesundheitswesen mehr bedeute als reine Kostensenkung. Es brauche eine mutige Politik, die eingefahrene Strukturen hinterfrage und die vorhandenen Möglichkeiten besser nutze. „Wir haben dieses System geschaffen. Wir können es verändern“, sagte er.
Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, verwies auf die hohe Leistungsfähigkeit der vertragsärztlichen Praxen. Es gebe kaum einen Bereich, der so effizient arbeiten könne. Eine starke ambulante Versorgung sei ein zentraler Hebel, um Produktivität zu steigern und Versorgung patientennäher zu gestalten.
Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen, rief dazu auf, ökonomische Fragen offen zu diskutieren. „Ökonomie ist nichts Schändliches“, sagte Goldschmidt. Auch wies er darauf hin, dass in der Debatte um gesundheitspolitische Reformen viel über Begrenzung und Steuerung gesprochen werde, aber zu wenig über Entfesselung. Dafür brauche es Vertrauen in die Akteure und die Bereitschaft, Freiräume zu eröffnen.
Bereits beim Vorabendempfang hatte Staatssekretär Matthias Heidmeier aus dem nordrhein-westfälischen Arbeits- und Gesundheitsministerium den politischen Rahmen gesetzt. Er machte deutlich, dass es in den kommenden Monaten um ein Gesundheitswesen geht, das auch unter Druck handlungsfähig bleibt. Krankenhäuser, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Pflege, Staat und weitere Partner müssten enger zusammenarbeiten, wenn sie Versorgung sichern und Reformen umsetzen wollten.
Wie KI Patientenpfade neu formen kann, lautete das Thema des Bayreuther Gesundheitsdialogs, moderiert von Prof. Dr. Amelie Wuppermann, Inhaberin des Lehrstuhls für VWL III, Insb. Finanzwissenschaft, Universität Bayreuth. „KI revolutioniert die Medizin“, so Prof. Dr. Christof von Kalle, BIH-Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften, Berlin Institute of Health, Charité – Universitätsmedizin Berlin, nur würde sich Europa bei der Regulierung „selbst im Weg stehen“. Es brauche eine infrastrukturelle Transformation, die Verwertung von Real World Data und die Etablierung eines lernenden Gesundheitssystems.
Prof. Dr. Erhard Siegel, Ärztlicher Direktor, Chefarzt, Abteilung für Gastroenterologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin, St. Josefskrankenhaus Heidelberg GmbH, stellte die Patient Journey am Beispiel von Adipositas dar, die jährlich direkte Kosten von über 29 Milliarden Euro verursacht: „Wir brauchen eine regionale Versorgungsstruktur“, so Siegel und verwies auf das in Planung befindliche Adipositasnetzwerk Rhein-Neckar e.V., das als digitaler Kommunikationshub alle relevanten medizinischen Steakholer und Patienten leitliniengerecht verbinden soll. Inspiriert vom ALFie-Alzheimer-Projekt in Köln. Sascha Graf, Bereichsleiter Care- und Casemanagement DAK-Gesundheit, plädierte für eine Anpassung des „zu bürokratischen“ §25b SGB V, um die Daten der Versicherten stärker nutzen zu können, und über Gesundheitsrisiken zu informieren.
Krankenhausplanung NRW 2026-2030: Balanceakt der Zukunft – Zwischen Versorgungsauftakt und Strukturwandel
In der Session wurde deutlich, wie stark die NRW-Krankenhausreform bereits in die Versorgungslandschaft eingreift und wie groß zugleich die Sorge ist, dass die geplanten Sparvorgaben des Bundes diesen Umbau gefährden könnten. Cornelia Sennewald (MAGS NRW) betonte, dass der Reformprozess vor allem dank der gemeinsamen Arbeit mit allen Akteuren gelungen ist. Es gebe zwar Klagen, doch in den meisten Fällen bekomme das Land vor Gericht Recht. Einzelne Hinweise der Gerichte lieferten Leitplanken für die weitere Planung. Zugleich arbeite NRW an einer neuen Bedarfsprognose.
Mehrere Referenten warnten, dass das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz den Umbau gefährden könnte. Sennewald wies darauf hin, dass das Einsparvolumen insbesondere Häuser im ländlichen Raum treffen könnte, „die wir eigentlich benötigen“. Matthias Blum, Geschäftsführer der NRW-Krankenhausgesellschaft, sprach von einer „doppelt fragilen Situation“: Die Häuser müssten die Krankenhausplanung umsetzen und dafür Eigenmittel aufbringen. „Wenn ein solches Gesetz kommt, dann muss man sich fragen: Sind die Eigenmittel überhaupt noch da?“ Dr. Hans Christian Atzpodien, Hauptgeschäftsführer, Knappschaft Kliniken, warnte, die Politik dürfe die Häuser nicht finanziell beschneiden und sie zugleich „allein damit lassen, die Liquidität zu organisieren“, die die nötige Transformation verlange. Im parlamentarischen Verfahren müsse nachgebessert werden. Robert Möller, CEO Helios Kliniken, verwies auf den „Verfall der Produktivität“: Die Fallzahlen lägen noch unter dem Vor-Pandemie-Niveau, zugleich leisteten sich die Krankenhäuser deutlich mehr Personal. „Krankenhäuser sind durchaus bereit, effizienter zu arbeiten. Aber sie haben nicht die Möglichkeiten.“
Was passiert, wenn wir uns das Gesundheitswesen von heute nicht mehr leisten können
Die hat gezeigt, dass die Debatte über die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens aus Sicht mehrerer Referenten zu kurz greift, wenn sie nur auf Beitragssätze und Einsparvolumen schaut. Dr. Bernhard von Treeck, Unparteiisches G-BA-Mitglied, betonte, Deutschland habe „genug Geld im System“, müsse es aber besser einsetzen. Es reiche aber nicht, nur „Beitragsanstiege zu begrenzen“. Nötig seien mehr Verlässlichkeit und Transparenz, eine konsequent gedachte Digitalisierung und Bürokratieabbau.
KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen warnte vor erheblichen Folgen der geplanten Sparmaßnahmen für die ambulante Versorgung. Wenn weniger Geld zur Verfügung stehe, müssten Vertragsarztpraxen auch das Leistungsangebot anpassen. Zugleich müsse die Politik den Versicherten ehrlich erklären, was das für deren Versorgung bedeute. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, plädierte dafür, die Debatte nicht auf die Bürgergeldkosten zu verengen, sondern Strukturreformen stärker in den Vordergrund zu rücken. Er forderte ein Zielbild, das über reines Sparen hinausreicht und klärt, wohin sich das Gesundheitswesen entwickeln soll.
Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Kliniken Stadt Köln, lenkte den Blick auf die Krankenhäuser. Die geplanten Sparmaßnahmen könnten gerade versorgungsrelevante Häuser treffen, weil Kommunen und Länder hohe Defizite kaum auffangen könnten. „Das wird das erste Mal eine relevante Krise der Krankenhäuser“, sagte er. Zugleich warb er dafür, die Finanzlage für eine offenere Priorisierungsdebatte zu nutzen. Melanie Gerster, Konrad-Adenauer-Stiftung, betonte, Deutschland könne sich grundsätzlich weiter auf die Leistungsfähigkeit seines Gesundheitssystems verlassen. Zugleich müsse aber offen diskutiert werden, „was bezahlen wir, was bezahlen wir nicht, wer bekommt was?“
Notfallreform 2026: Verantwortungsvoll steuern im Akutfall
Vor gut zwei Wochen ist der Gesetzesentwurf für eine Notfallreform im Bundeskabinett beschlossen worden. Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein: „Wir begrüßen das Gesetz, hätten uns aber schon vor Jahren gewünscht, dass es wirksam geworden wäre. Dann wären wir heute nicht in der Situation, alles aus den Geldern unsere Mitglieder finanzieren oder in Vorleistung treten zu müssen“. Durch die strukturierte Ersteinschätzung seien heute eine Reihe von Lösung möglich, wie zum Beispiel die Telemedizin oder die Portalpraxen. Das müsse allerdings gemanagt werden. Das neue Gesetz zur Notfallreform sei nötig, um den rechtlichen Rahmen zu liefern. Jessica Llerandi Pulido, Geschäftsführerin Ev. Krankenhaus Mettmann, spricht sich ebenfalls für die Reform aus: „Wir können jetzt zeigen, dass sektorübergreifende Versorgung funktioniert. Wenn wir im ambulanten und stationären Bereich zusammenarbeiten, gelingt auch die Versorgung der Patienten besser“. Die Mitarbeiterzufriedenheit würde ebenso steigen.
Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner, Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr, Technische Hochschule Köln: „Im Rettungsdienst wird bisher nur der Transport bezahlt, nicht die Behandlung durch Notfallsanitäter. Wenn wir hinfahren und der Patient bleibt zuhause oder verstirbt, werden diese Behandlungen nicht vergütet“. In der Notfallreform werde das jetzt „geheilt“ durch eine stabilere Finanzierung der Vorhaltung, außerdem sei es sehr viel einfacher, Patienten zuhause lassen zu können. Nicole Rohde, Geschäftsführerin Rheinland Klinikum: „Aus Krankenhaussicht warten wir schon lange auf die Notfallreform. Vor allem darauf, dass die Notrufnummern 116 117 und 112 zusammengelegt werden.“ Die Arbeit in der Notaufnahme sei derzeit mit zu großen Belastungen verbunden. Marco Schmitz, MdL Sprecher des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Landtag Nordrhein-Westfalen: „Wir haben kein Kapazitätsproblem, sondern ein Lenkungsproblem.“ Es sei Aufgabe der Politik, die Steuerung mit der Notfallreform vernünftig hinzubekommen.
Das Neuste aus dem G-BA
Der Unparteiische G-BA-Vorsitzende Prof. Josef Hecken stellte vor allem das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz in den Mittelpunkt seines Vortrags. An einer kurzfristigen Stabilisierung der GKV-Finanzen führe angesichts der wirtschaftlichen Lage und der Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland kein Weg vorbei, sagte er und warnte zugleich vor einem Spargesetz, das den kommenden Reformen, wie das geplante Primärversorgungssystem, die Grundlage entzieht. Sonst könne es passieren, dass in einzelnen Regionen „die letzte Praxis, die überhaupt für eine solche Primärversorgung in Betracht gekommen wäre, zugenagelt worden ist“.
Besonders scharf kritisierte er den Umgang des Bundes mit den Gesundheitskosten für Bürgergeldempfänger und die Kürzung des Bundeszuschusses. „Das ist verlogen und hat mit Sozialpolitik nichts zu tun“, machte Hecken deutlich. Zugleich sprach er sich dafür aus, höhere Tabak-, Alkohol- oder Zuckersteuern „1 zu 1 ins Gesundheitssystem“ zu geben, vor allem für wirksame Prävention.
Mit Blick auf die Notfallreform warnte Hecken vor neuen Doppelstrukturen und davor, dass die Länder zu viel Spielraum bekommen könnten, etwa bei der Frage, wo Integrierte Notfallzentren entstehen. Dann sei am Ende „viel Geld ausgegeben“, aber keine echte Verbesserung erreicht.
Bedarfsgerecht und patientenzentriert: Was braucht es?
Prof. Dr. Magnus T. Jensen, Direktor Steno-Diabetes-Center Kopenhagen, stellte das Programm „The Outpatient Clinic oft the Future“ vor, das sich seit 2025 zum Ziel macht, in der Region Süddänemark physische Patienten-Kontakte zu reduzieren und durch Home-Monitoring in Echtzeit und virtuelle Konsultationen zu ersetzen. „Das Krankenhaus ist für die Implementation verantwortlich“, so Jensen. Um den Wechsel hinzubekommen, brauche es neben einer digitalen Infrastruktur ein starkes Leadership in Kliniken und Politik. „Bei uns ist es heute ein Patientenrecht, eine digitale Option angeboten zu bekommen“, so Jensen. Zudem mache es für Patienten eine Unterscheid, ob sie wegen ihres Diabetes alle drei Monate in die Klinik kommen müssten oder nur alle zwei Jahre. Die beteiligten Klinken hätten die physischen Patientenkontakte bereits um 5 Prozent reduzieren können.
Martin Bartetzko, CEO SHL Telemedizin, plädierte dafür, den Patienten und seine Eigenverantwortung stärker in den Mittelpunkt zu stellen: „Wie können wir es schaffen, Bürger zu motivieren, dass sie nicht zu Patienten werden?“ Die Gesundheitsreform in Dänemark sei bereits seit 1973 gestartet. „Wenn wir bei uns jetzt versuchen, ein System überzustülpen, wird viel an Effizienz verloren gehen, weil die Überzeugung des Einzelnen fehlt“. In Dänemark liege die Zahl der Face-to-Face-Treffen beim Arzt bei etwas mehr als 50 Prozent, in Deutschland seien es 93 Prozent. Hans-Holger Bleß, Partner fbeta GmbH Berlin: „Patientenzentrierte Prozesse brauchen Planung, Vernetzung und digitale Unterstützung“. Ein verbindlicher digitaler Therapieplan könne der rote Faden sein, wenn digitale Infrastruktur Patienten und Leistungserbringer verbindet.
Arztpraxis 2030: Wie KI entlastet – und wo ärztliche Verantwortung unersetzlich bleibt
In der Session wurde deutlich, dass KI in Arztpraxen nicht mehr nur ein Zukunftsthema ist, sondern an einigen Stellen bereits im Alltag ankommt. Dr. Carsten König, stellv. Vorsitzender der KV Nordrhein, betonte, dass Praxen zunehmend KI einsetzten. Sie könne im ambulanten Bereich vor allem bei Dokumentation, Administration, Patientensteuerung, schnellerer Befundung und präziserer Diagnostik helfen. Entscheidend sei aber die Akzeptanz in der Ärzteschaft. Zugleich verwies König auf offene Fragen, etwa fehlende Berücksichtigung bei der Vergütung. Aus seiner Sicht kann KI Ärztinnen und Ärzte von Routineaufgaben befreien und ihnen „mehr Zeit für das Wesentliche“ geben.
Mareike Tatic, VITAS GmbH, beschrieb am Beispiel KI-gestützter Telefonassistenz, wie groß der Entlastungsbedarf in Praxen ist. In den mehr als 1000 Praxen, die VITAS nutzten, sparten Praxen nach ihren Angaben „75 Prozent Zeit“ am Telefon. Auch in der Psychotherapie werde KI bereits eingesetzt. Manuel Gremblewski, VIA HealthTec, entwickelte eine automatisierte klinische Dokumentation und Berichtserstellung. Inzwischen nutzten rund 2000 Therapeutinnen und Therapeuten die Anwendung täglich. Nach seinen Angaben sparen sie dadurch im Schnitt „20 Stunden“ pro Monat, während die Dokumentationsqualität steige und mehr Fokus auf die Patientinnen und Patienten möglich werde.
Deutlich wurde zugleich, dass KI nur dann sinnvoll hilft, wenn Praxen ihre Abläufe kennen und gezielt verändern. Dr. Bahman Afzali, docport HmbH, betonte, dass am Anfang „immer der effektive Prozess“ stehe: Erst müsse klar sein, was eine Praxis erreichen wolle, dann könne sie passende Tools auswählen. Viele Praxen seien damit noch überfordert – etwa bei der Frage, welche Anwendung sie einsetzen, wie sie mit Patientinnen und Patienten darüber sprechen und wie sie ihr Team mitnehmen.
Krankenhaus goes Ambulantisierung: Vom großen Defizit zur tragfähigen Struktur
In der Session verwies Dr. Axel Kaiser, LOHFERT & LOHFERT AG, auf internationale Vergleiche und Studien, die zeigten, dass Deutschland „tatsächlich erst am Anfang des Ambulantisierungsprozesses“ steht. Ambulante Medizin sei aber kein „Beiwerk der stationären Medizin“, sondern „unternehmerische Kernsäule“ der Krankenhausleistung. Dafür brauche es eine eigene Ambulanzstrategie als Teil der Gesamtstrategie.
Birthe Motzkus (vdek) betonte, dass für eine echte Verlagerung aus dem stationären Bereich einige Voraussetzungen erfüllt werden müssten. „Ambulante Versorgung bedarf anderer Strukturen“, sagte sie mit Blick auf Zulassung, Abrechnung, Vergütung, EDV und Personal. Auf Dauer werde es nicht funktionieren, beide Bereiche parallel vorzuhalten. Nötig seien sektorübergreifende Planung und eine gezielte Steuerung der Versicherten. Michael Weller, ehem. BMG, verwies auf steigenden Druck durch Krankenhausreform, Notfallreform und Primärversorgungssystem. Wer jetzt nicht die Weichen stelle, werde in zehn Jahren „riesige Probleme“ bekommen.
René Alfons Bostelaar (Klinikum Main-Spessart) und René Thiemann (Städt. Krankenhaus Maria-Hilf Brilon) machten deutlich, wie schwierig dieser Umbau für ländliche kommunale Krankenhäuser ist. Sie verwiesen darauf, dass klare Leistungsgruppen, verlässliche Finanzierung und passende Förderregeln fehlten. Martin Degenhardt, Geschäftsführer FALK-KVen, warnte, die aktuelle Gesetzgebung könne die Ambulantisierung ausbremsen. Wenn Fallzahlen gesetzlich fixiert und ambulante Operationen budgetiert würden, würden ausgerechnet die Instrumente gedeckelt, über die Ambulantisierung laufen solle.
„Wie viele Pflegefachpersonen braucht das Land?“, fragte Moderatorin Vera Lux, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), doch konkrete Zahlen konnte ihr niemand in dieser Session nennen. In den nächsten Jahren werde man die Personen aus der Pflege, die sich in die Rente verabschiedenden, noch durch die Ausbildungskapazitäten ersetzen können, so Prof. Dr. Michael Isfort, stellv. Vorstandsvorsitzender Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. – aber mehr auch nicht. Ein Strukturaufbau sei damit nicht möglich. Die Zahl der Pflegenden aus Drittstaaten – zu 50 Prozent Auszubildende – würden zwar erfreulicherweise zunehmen, so Isfort, „wir müssen nur lernen, diese Menschen auch willkommen zu heißen.“ Jens Albrecht, Vizepräsident, Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, betonte, dass es „neue Konzepte“ brauche, um die Versorgung sicherzustellen und den ambulanten Bedarf zu decken. Die Kammer würde bereits gemeinsam mit den Behörden vor Ort die Einwanderung von Fachkräften bürokratisch erleichtern.
Vom Investitionsstau zur Zukunftsstrategie: Krankenhausfinanzierung zwischen KHZG und neuer Gesetzgebung
Die Session hat gezeigt, dass die Investitionsfrage eng mit der laufenden Finanzgesetzgebung zusammenhängt. Cornelia Sennewald vom NRW-MAGS betonte, NRW habe auf die neue Krankenhausplanung mit einem Förderprogramm über 2,5 Milliarden Euro reagiert; zusammen mit dem Transformationsfonds stünden den Krankenhäusern in NRW bis 2035 rund zwölf Milliarden Euro zur Verfügung. Sie warnte jedoch, das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz könne diese Strategie gefährden.
Marcus Proff, KGNW, machte deutlich, dass viele Träger kaum noch verlässlich planen könnten. Eigentlich müssten Verbünde ausgebaut, Versorgungsnetze entwickelt und Kooperationen gestärkt werden. Robert Möller, CEO Helios Kliniken, stellte infrage, ob Investitionsgeld allein das System stabilisieren könne. „Was nützt am Ende das Ausgeben von Investitionsmitteln, wenn die Betriebsergebnisse so sind, dass sie eine Insolvenz nicht verhindern können? Gar nichts“, machte er deutlich. Entscheidend sei, Investitionen für Digitalisierung, Clusterbildung und die Zentralisierung komplexer Leistungen einzusetzen.
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jens Scholz, CEO Universitätsklinikum Schleswig-Holstein forderte ein klares Leitbild: Die Länder müssten benennen, welche Häuser sie wirklich brauchen. Erst dann könnten Kliniken ihre eigene Strategie sinnvoll daran ausrichten. Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Kliniken der Stadt Köln, warnte, dass Krankenhäusern 2027 etwa drei Prozent weniger Erlöse zur Verfügung stehen. Für große kommunale und bedarfsnotwendige Häuser sei das besonders riskant. „Wenn das so kommt, wäre das in meinen Augen die erste echte Krankenhauskrise.“ Auch er forderte klare politische Entscheidungen, welche Häuser versorgungsrelevant seien.
Vom Plan zum Wandel: Die überarbeitete Digitalisierungsstrategie im Gesundheitswesen
Die überarbeitete Digitalisierungsstrategie wurde in der Session als wichtiger Orientierungsrahmen beschrieben, um die digitale Versorgung verlässlicher, anschlussfähiger und stärker sektorenübergreifend aufzustellen. Julia Hagen, Senior-Referentin Digitale Innovation bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, begrüßte unter anderem die stärkere Rolle der Gematik. Für die Praxen brauche es eine „stabile und verlässliche TI-Infrastruktur“. Mit der elektronischen Patientenakte verbinde sich aus ihrer Sicht „eine wirkliche Chance“, ein Bindeglied zwischen den Sektoren zu schaffen – allerdings nur, wenn auch Krankenhäuser die Akte konsequent befüllen. Die ePA-App könne dabei ein Eingangstor sein; die Steuerung müsse aber „im Kern eine ärztliche Aufgabe“ bleiben.
Dr. Florian Hartge, Mitglied der Geschäftsführung der gematik, leitete aus den großen Roll-outs der vergangenen Jahre drei zentrale Lehren ab. Erstens müsse die technische Komplexität sinken, weil das heutige System zu heterogen sei und nur so zuverlässiger werden könne. Zweitens zeige die Digitalisierung von Prozessen, dass manche Regeln nicht mehr zur Versorgungsrealität passten. Drittens brauche es bessere Kommunikation und ein realistischeres Erwartungsmanagement. Der Erfolg von IT-Projekten hänge wesentlich davon ab, „wie gut man die Menschen, die damit arbeiten sollen, mitnimmt“. Die Gematik wolle deshalb nicht nur an Stabilität und Zuverlässigkeit arbeiten, sondern digitale Werkzeuge stärker auf konkreten Nutzen im Alltag ausrichten.
Franz-Helmut Gerhards, Chief Digital Officer und Mitglied der Geschäftsführung der DAK-Gesundheit, begrüßte die Strategie aus Kassensicht ausdrücklich. Entscheidend sei ein „menschenzentriertes, digitales Ökosystem“, das patientenzentrierte Versorgung, Datenmanagement und die nötige Infrastruktur zusammenführt. Dr. Anke Diehl, Chief Transformation Officer der Universitätsmedizin Essen, sieht die Strategie ebenfalls „in die richtige Richtung“ gehen, mahnte aber einen stärkeren Blick auf die Prozesse an.
Pharma strategisch denken: Wo liegt die Chance im Strukturwandel?
Dr. Kirsten Bender, Abteilungsleiterin „Technologie und Wirtschaftsstandort“ Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, eröffnete mit gewichtigen Zahlen. So habe die Pharmaindustrie in NRW 2025 Waren im Wert von 6 Milliarden Euro produziert, das sei ein Anteil von 16 Prozent an den deutschen Pharmaproduktion. „Während andere Industriezweige schwächeln, ist die Pharmaindustrie Stabilitätsanker.“ Um wirtschaftliche Stärke und Versorgungssicherheit in Zukunft zu gewährleisten, sei der Pharma-Dialog NRW entstanden, in dem ein gemeinsames Chancenpapier entwickelt wurde. So sollen künftig die Stärken in der Biotechnologie ausgebaut werden, so Bender.
Christian Thams, Direktor Marktzugang & Erstattung und Mitglied der Geschäftsleitung Johnson & Johnson Innovative Medicine Deutschland: „Wir sind mit der Pharmasparte mehr als 50 Jahre in NRW und sehen den Standort als sehr positiv. Wir wollen dazu beitragen, ihn weiterzuentwickeln.“ Thams betonte, wie wichtig die Zusammenarbeit von Unternehmen und der Landesregierung sei. Ein starkes Signal – gerade auch für die Starts-up-Branche – sei die geplante Medical Science City im Rhein-Kreis Neuss, die ein führendes Innovationszentrum für Biomedizin werden soll. Dr. Patrick Guidato, Clustermanager Cluster Medizin, NRW, wies auf die Wichtigkeit klinischer Studien hin. NRW würde mit der neuen KI-gestützten Informationsplattform zu klinischen Studien im Land bundes- und europaweit vorangehen.
In der richtigen Mischung liegt die Kraft: Qualifikations- und Personalmix in der Pflege – eine Führungsaufgabe!
Den Qualifikationsmix habe es schon immer gegeben, nur komme er heute in einem neuen Gewand daher, so Prof. Dr. Frank Weidner, Vorstandsvorsitzender Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., in seiner Einführung. Heute gehe es zum Beispiel um die gezielte Erweiterung durch akademisch qualifizierte Fachkräfte. Für die Umsetzung brauche es auf jeden Fall gegenseitiges Vertrauen als Grundlage.
Prof. Dr. Michael Löhr, Pflegedirektor Landesklinikum Gütersloh, sieht sich als Führungsperson in der Pflicht: „Ich sorge für die bestmöglichen Arbeitsbedingungen für die Kolleginnen und Kollegen, damit sie eine Top-Patientenversorgung machen. Das ist meine Aufgabe.“ In Führung in der Pflege müsse immer eine klinische Idee implizit sein, ansonsten habe man ein Problem, „dann sollte man es lieber Verwaltungsleute machen lassen.“ Heike Weiß, Leiterin der Abteilung Pflege und Alter, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Nordrhein-Westfalen, betonte, dass der öffentliche Fokus hauptsächlich auf der stationären Pflege und den Altenpflegeeinrichtungen lege, dabei würden 85 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause betreut. Es geht also darum, auch einen Qualifikationsmix in der ambulanten Pflege zu erreichen. Das Land habe bereits eine Fachkräfteoffensive gestartet, um die Pflegeausbildung und die Anerkennung der Gesundheitsberufe zu stärken.
Die Strategiefrage: Mehr Souveränität, mehr Produktivität? Wie Krankenhäuser durch digitale Souveränität ihre Ambitionen verwirklichen
Digitale Souveränität entscheidet zunehmend darüber, ob Krankenhäuser ihre Daten wirklich für bessere Versorgung, effizientere Prozesse und KI nutzen können. Michael Franz, Executive Relations bei DMI GmbH & Co. KG, betonte, dass dafür „vertrauenswürdige, verkehrsfähige, verständliche, interoperable Versorgungsdaten“ Daten unabdingbar sind. Vertrauen in diese Daten entstehe nicht zufällig: Die Prozesse, „wie Daten aufbewahrt werden“, müssten klar definiert und zertifiziert sein. Hinzu komme Erfahrung und Expertise der Fachkräfte, die diese Daten sichern und nutzbar machen.
Nach Auffassung von Dr. Axel Paeger, CEO von AMEOS, gehören Daten inzwischen zum Kerngeschäfts eines Krankenhauses. Deshalb müsse es auch die Datensouveränität behalten. Paeger machte deutlich: „Ohne richtiges Datenmanagement kann man keine richtige Medizin machen.“ Dr. Anke Diehl, Chief Transformation Officer der Universitätsmedizin Essen, schilderte, dass digitale Souveränität dort seit Jahren strategisch angegangen werde. Die digitale Transformation habe bewusst Priorität bekommen, technische und Datensouveränität würden seit „10 bis 15 Jahren“ vorangetrieben. Auf dieser Grundlage könne die Universitätsmedizin Essen heute viel mit Daten arbeiten. Entscheidend sei, dass kein proprietäres System genutzt werde.
Primärversorgung in Zeiten von KI: Zeitgemäß?
Søren Sünksen, Partner des dänischen Unternehmens Not a Box, machte deutlich, dass KI im Gesundheitswesen nicht erst auf die Ärzteschaft wartet, sondern von Patientinnen und Patienten längst genutzt wird. Für Ärztinnen und Ärzte gehe es deshalb nicht mehr darum, ob sie KI nutzen, sondern wie sie sie einsetzen und wie viel Kontrolle sie behalten. Sünksen beschrieb drei zentrale Spannungsfelder: Arzt oder Algorithmus, Kontrolle oder Abhängigkeit von großen Technologiekonzernen, Transparenz oder Bequemlichkeit. Für Deutschland sah er das Hauptproblem nicht in fehlender KI, sondern in mangelnder Interoperabilität. Ohne vernetzte, sektorenübergreifend nutzbare Daten verstärke KI bestehende Silos, statt sie aufzulösen. Dann drohe, dass wichtige Entscheidungen und Steuerungslogiken nicht im Gesundheitssystem selbst, sondern in den Händen amerikanischer Algorithmen lägen.
Dr. Thomas Bandorski, Vorstand AdA, berichtete aus der digitalen Hausarztpraxis in Etteln, in der qualifiziertes Personal ohne einen Arzt arbeitet. Anamnese und Befundaufnahme laufen strukturiert und KI-gestützt; digitale Untersuchungsgeräte liefern Daten an die Hauptpraxis. Bandorskis Schlussfolgerung: „Primärversorgung kann ohne KI nicht funktionieren.“ Zugleich betonte er: „KI ist kein Ersatz, sie ist Assistent.“ Dafür müsse KI-Kompetenz neben medizinischem Wissen geschult werden. Entscheidend seien außerdem regionale Lösungen – „die Kraft der Regionen nutzen“ – und ein klarer Fokus auf persönliche Versorgung: „Je digitaler wir werden, desto analoger können wir sein.“
Die Erfolgsfrage: warum manche Häuser auskömmlich sind – und was alle daraus lernen können
„‘Auskömmlich‘, was für ein armseliger Begriff, der offenbar zum Leitbild geworden ist. Sollen wir jetzt von denen lernen, die über die Runden kommen?“, eröffnete Prof. Dr. Bertram Häussler, Vorsitzender der Geschäftsführung IGES Institut GmbH. Im Krankenhaussektor sei der Anteil der insolventen Betriebe dauerhaft stabil, das solle einem zu denken geben. Was erfolgreiche Häuser anders machen? „Sie haben effiziente Prozesse hinbekommen, mit denen auch Reputation einhergeht“, so Häussler. Der Patient werde als Kunde gesehen. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Holzgreve, Leiter Healthcare Management Programm, Universität St. Gallen, Executive School, sieht nach dem Kabinettsbeschluss und den zunehmenden Belastungen für Patienten die Gefahr, dass die Effizienzsteigerung der Krankenhäuser in die zweite Reihe geraten könnte. „Wir sollten diesen Kongress für einen Apell nutzen, damit dies nicht passiert.“
Stefan Aust, Hauptgeschäftsführer, Knappschaft Kliniken Westfalen GmbH, erklärt die Erfolgsformel der „Knappen“ so: „Wir haben seitens des Managements immer versucht, jede Veränderung als Chance zu begreifen“. So habe man vor zehn Jahren die kleineren Häuser mit 160 bis 200 Betten, „die man eigentlich systemkritisch hinterfragen müsste“, konsequent in eine klare medizinische Spezialisierung geführt. „Wir sind damals von vielen Stellen ausgelacht worden“, so Aust, „aber das Konzept ist aufgegangen“.
Pflege neu denken: Auf dem Weg zur umfassenden Pflegereform
Mit neuen Zahlen eröffnete Andreas Storm Vorstandsvorsitzender DAK-Gesundheit seinen Impuls: „49 Prozent der Pflegenden erleben Pflegearmut selbst oder in ihrem Umfeld“. Die Zahl sei wichtig bei dem Thema Deckelung der Eigenanteile in den Pflegeheimen, so Storm. Die aktuellen Vorschläge für die Pflegereform würden das Problem verschärfen, anstatt Lasten fair zu verteilen. So werde das Pflegeheim zur „konkreten Armutsfalle“. Angesichts der großen Herausforderungen werde die Pflegereform „der Lackmustest für die Gesundheitspolitik in Deutschland.“ Peter Renzel, Geschäftsbereichsvorstand Amt für Soziales und Wohnen Gesundheitsamt der Stadt Essen, forderte eine „neue Radikalität“, um Pflege so lange wie möglich zu verhindern. Die Armutsfalle sei „schon komplett da“, und die Pflege müsse raus aus der „Versorgungslogik“. Die Diskussion könne zudem nicht nur die stationäre Langzeitpflege im Blick haben, die ambulante Pflege sei für die Pflegbedarfsplanung „ein Dunkelfeld“.
Thomas Eisenreich, Geschäftsführer Home Instead GmbH und Sprecher der Ruhrgebietskonferenz Pflege, appellierte, bei der Verwendung des Pflegegeldes, das inzwischen „für alles mögliche“ ausgegeben werde, genauer hinzusehen. Petra Köster, Leiterin der Gruppe Altenpolitik Pflegerecht (VIIA), Ministerium für Arbeit Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, setzt unter anderem auf Nachbarschaftshilfe und das Ehrenamt in den Kommunen, um Pflege zu entlasten.
GKV-Finanzierung am Limit: Reicht ein Facelifting?
Das meistdiskutierte Thema des Kongresses war das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, so auch in dieser Session. Prof. Dr. Gregor Thüsing, Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und das Recht der sozialen Sicherheit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Mitglied der Finanzkommission Gesundheit, machte deutlich, wie groß der Druck ist. „Nichtstun“ sei keine Option. Für 2030 stehe eine Deckungslücke von rund 40 Milliarden Euro im Raum. Die Bundesregierung sei deshalb „zum Erfolg verdammt“.
Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, kritisierte die Finanzierungslogik des Gesetzentwurfs scharf. Die Finanzkommission habe zwar „exzellente Vorschläge“ gemacht. Den Kabinettsentwurf nannte er jedoch eine „ordnungspolitische Geisterfahrt“. Er mahnte zugleich an, bei allen Sparmaßnahmen die notwendigen Investitionen in den Umbau der Versorgungsstrukturen nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer ein Primärversorgungssystem aufbauen wolle, müsse etwa im IT-Bereich investieren. „Sparen und Umbau des Systems parallel: Das ist eine gigantische Herausforderung“, betonte er. Ohne Zusammenarbeit werde das Gesundheitswesen diese Herausforderung nicht bewältigen.
Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, warnte davor, die Debatte über die Finanzlage in eine Rationierungsdebatte kippen zu lassen. Mehr Einsparpotenzial sah Wältermann unter anderem im Pharmabereich. Petra Brakel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, sah bei den Krankenkassen kaum kurzfristige Einsparmöglichkeiten ohne Risiken für die künftige Leistungsfähigkeit. Zwar gebe es erhebliches Digitalisierungspotenzial, dafür brauche es aber zunächst Investitionen in IT. Man müsse aufpassen, „dass Einsparungen von heute nicht der Verlust an Effizienz von morgen sind“.
Wie Krankenhäuser Attraktivität und Effizienz verbinden
Attraktivität und Effizienz lassen sich im Krankenhaus nur verbinden, wenn Häuser Arbeit neu organisieren, statt den Druck weiter zu erhöhen, waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Lasse Rheingans, Geschäftsführer der Rheingans GmbH, verwies auf sein Modell des Fünf-Stunden-Arbeitstags bei gleicher Bezahlung: Es gehe „explizit um weniger arbeiten, nicht um weniger leisten“, betonte er. Forderungen nach einer 42-Stunden-Woche lehnte er entschieden ab: Dadurch entstünden nicht zwei Stunden mehr Produktivität, sondern nur zwei Stunden mehr Arbeitszeit.
Michaela Evans-Borchers vom Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule betonte, Krankenhäuser hätten lange vor allem über Wirtschaftlichkeit gesprochen und zu wenig darüber, „wie wir Arbeit attraktiver gestalten können“. Angesichts des Fachkräftemangels müsse man heute anerkennen, dass sich Wirtschaftlichkeit über attraktive Arbeitsbedingungen entscheide. Annika Sommer vom Hüttenhospital zeigte, wie stark Unternehmenskultur auf Bindung und Produktivität wirkt. Ihr Haus habe eine geringe Fluktuationsquote von fünf bis sechs Prozent und eine durchschnittliche Beschäftigungszeit von knapp 14 Jahren in der Pflege. Teams mit gutem Zusammenhalt arbeiteten außerdem produktiver, machten weniger Fehler, hätten weniger Abstimmungsbedarf und weniger Krankheitstage. Maik Toremans, Direktor für Pflege und klinisches Personalmanagement am Klinikum Bielefeld, berichtete vom Vier-Tage-Arbeitszeitmodell, das dort umgesetzt wird. Dieses sei aber „nicht per se der Gamechanger“ gewesen. Entscheidend sei vielmehr die Entscheidung gewesen, „nicht einfach so weiterzumachen wie bis dahin“. Dadurch habe das Klinikum innerhalb eines Jahres „180 Prozent mehr Anstellungen“ erreichen können.
Sisyphos arbeitet an der Krisenfestigkeit: Resilienz & Zivilschutz im Gesundheitswesen
Mit dem Wissen um das „angstbehaftete Thema“ startete Oberstarzt Dr. Alexander Bell, Abteilungsleiter Krankenhausmanagement, Bundeswehr seinen Impulsvortrag. Die Frage, ob wir uns noch im Frieden oder schon im Krieg befinden, sei in Zeiten von Cyberangriffen, Sabotage und Spionage nicht mehr so einfach zu beantworten, so Bell. Die Bundeswehr rechne damit, dass es im NATO-Bündnisfall je nach Lage um die 1000 Verwundete pro Tag nach Deutschland kommen werden, die insgesamt bis zu 15.000 Akutbetten und Versorgung bräuchten. Neben den Kliniken sei auch der ambulante Sektor aufgefordert, sich vorzubereiten. Zudem brauche es ein gemeinsames Lagebild, das es in Deutschland noch nicht gibt. Wie ist das alles zu schaffen? „Resilienz fängt bei jedem von uns persönlich an, also im Kopf“, so Bell. „Wenn ich sage ‘Ich schaffe das, ich mache kleine Pakete aus der großen Aufgabe‘, dann ist das ein sehr wichtiger Schritt.“ Helmut Watzlawik, Abteilungsleiter Krankenhausversorgung, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, berichtete, dass eine Landeskonferenz mit allen Akteuren im Gesundheitswesen eingerichtet worden sei, um einen „Rahmenplan Krisenfeste Gesundheitsversorgung NRW“ zu erarbeiten und Ende des Jahres öffentlich vorzustellen. „NRW ist sehr gut aufgestellt“, so Watzlawik, aber man müsse über die Finanzierung sprechen: „Krisenresilienz kostet Geld.“ Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, wies darauf hin, dass es einen rechtssicheren Rahmen brauche, um im Krisenfall die Patienten zu priorisieren. Zumal mit einer großen Anzahl Geflüchteter zu rechnen sei. „Gerade für die Niedergelassenen ist diese Rechtssicherheit wichtig“. Dr. Hans Christian Atzpodien, Hauptgeschäftsführer (CCO) Knappschaft Kliniken GmbH, sagte, dass die Kliniken hierzulande insgesamt sehr spät dran wären, um sich krisenfest aufzustellen: Das Uniklinikum im finnischen Helsinki sei zum Beispiel in der Lage, sich unterirdisch komplett zu versorgen, sagte Atzpodien, dort seien schon in den 1960er Jahren entsprechende Strukturen mit großer Energie ausgebaut worden.
Chinas großer Sprung nach vorn – wo bleibt Deutschland? Bericht einer Chinareise und ihre Folgen
Der Besuch einer chinesischen Delegation aus Baoding mit Klinik-, Unternehmens- und Regierungsvertretern auf dem GdW im vergangenen Jahr hat großen Eindruck hinterlassen – und das Reisefieber geweckt. „Wir haben mit einem Führungsteam der Knappschaft Kliniken eine Reise nach Baoding und Peking gemacht und uns in Kliniken und Unternehmen informiert, um von den Chinesen zu lernen“, berichtete Prof. Dr. Holger Holthusen, Medizinischer Vorstand Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, in seinem Impulsvortrag. „Mindestens 60 Prozent Patienten in den Kliniken checken über eine App selbst ein und aus. Digitalisierung ist in China komplett integriert“, so Holthusen. Das Land gehe einen „gnadenlosen Weg der Zentralisierung“, mit starker Spezialisierung. Nach Pilotkonzept und Validierung werde sehr schnell ausgerollt und ein Systemstandard geschaffen. Die Qualitätssicherung sei allerdings weniger ausgeprägt als in Deutschland: „Wenn sich Fehler einschleichen, werden sie schnell im ganzen Land durchskaliert.“ Unsere Aufgabe sei nicht, China zu kopieren, so Holthusen, „aber wir sollten uns fragen, was wir von den Chinesen lernen können, um besser zu werden.“
Jörg Karpinski, Chief Sales Officer (CSO) und Vertriebsvorstand HUAWEI TECHNOLOGIES Deutschland GmbH, warnte vor der deutschen „Selbstverliebtheit“. Es sei eine gefährliche Entwicklung zu glauben, in der Welt ohneeinander agieren zu können: „Wir verwechseln Souveränität mit Autarkismus.“ Die Chinesen würden nicht mehr auf uns warten, „die lernen von klugen Menschen“. „Wenn wir nicht begreifen, dass wir Europäer sind und nicht Deutsche, Holländer oder sonst was, dann werden wir keine Chance haben“, so Karpinski. „Wir müssen größer und in Clustern denken, das gilt auch für die Krankenhäuser.“ Die IT in den Kliniken müsse zudem bei jeder wichtigen Entscheidung mit am Tisch sitzen: „Wie wollen sie großartige digitale Operationen machen, wenn sie noch nicht mal eine Netzwerkverbindung im OP haben?“
China-Experte und Journalist Frank Sieren, zugeschaltet aus Peking: „Alle haben die Entwicklungsgeschwindigkeit der Chinesen in den letzten 30 Jahren unterschätzt. Wir müssen davon ausgehen, dass sich diese Geschwindigkeit durch KI und Digitalisierung nochmal erhöht.“ Das Autobeispiel zeige, dass wir es nicht wahrhaben wollten, dass die Chinesen nicht nur kopieren, sondern auch eigene Innovationsschübe entfachen. „Im Gesundheitswesen ist es noch nicht zu spät, nur müssen wir jetzt sofort aufwachen und handeln“, so Sieren. Gerade im Bereich der Stammzellen sei China weit voraus und verhandelte bereits Kooperationen mit Europäern. „Pauschal zu sagen, dass sei unmoralisch, was die da machen, funktioniert nicht mehr“, warnt Sieren, „wir müssen uns damit beschäftigen, sonst fallen wir immer weiter zurück.“
Produktivität im Vergleich: Welche Länder Krankenhäuser besser aufstellen
Die Session zeigte, wie schwer sich Krankenhausproduktivität international vergleichen lässt. Die Referenten blickten auf unterschiedliche Stellschrauben: Systemsteuerung, Budgets, Sektorengrenzen, Bürokratie, Personalvorgaben und den Nutzen für Patientinnen und Patienten. Philipp Letzgus, Berater bei LOHFERT & LOHFERT, warnte davor, nur stationäre Kennzahlen miteinander zu vergleichen. Deutschland sei stark krankenhauszentriert, habe hohe Fallzahlen, viele Standorte und klare Sektorengrenzen. Andere Länder steuerten stärker über Primärversorgung, Zentralisierung oder sektorübergreifende Modelle.
Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, warnte vor vorschnellen Schlüssen aus Kostenvergleichen. Die Krankenhausausgaben hätten langfristig bei rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts gelegen; wenn sich dieser Anteil nun verändere, habe das auch mit einem stagnierenden Bruttoinlandsprodukt, Demografie und wachsendem Versorgungsbedarf zu tun. Der einzelne Fall sei im internationalen Vergleich „spottbillig“, das Problem seien „zu viele Fälle“. Prof. Dr. Boris Augurzky, Geschäftsführer der hcb GmbH, betonte, dass mehr Produktivität nur dann entstehe, wenn Häuser vor Ort mehr Gestaltungsfreiheit bekämen. Nötig seien regionale Verantwortung, weniger Vorgaben und weniger Bürokratie.
Prof. Dr. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Nürnberg, verwies dabei auf Dänemark: klare Zuständigkeiten, feste Budgets und deutlich weniger Abrechnungsbürokratie. Prof. Dr. Ralf Kuhlen, Chief Medical Officer von Fresenius, beschrieb populationsbezogene Modelle etwa in Spanien, bei denen ein Krankenhaus Verantwortung für eine definierte Bevölkerung trägt. Juliane Kaufmann von der Universitätsmedizin Rostock warnte zugleich davor, Produktivität mit Sparen gleichzusetzen.
Ambulantisierung mit Outcome-Fokus: Aktive Chronikersteuerung als Schlüssel zur nachhaltigen Kostenkontrolle
Bei chronischen Erkrankungen entscheidet nicht allein der Arztkontakt über den Behandlungserfolg, sondern das, was zwischen den Terminen passiert: Begleitung, Adhärenz, Koordination und ein verlässlicher Zugang zur Versorgung. Prof. Dr. Nadine Ungar, Professorin für Psychologie im Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule Mainz, betonte, chronische Erkrankungen seien in der Behandlung sehr teuer, weil häufig erst geholfen werde, „wenn akut Beschwerden“ auftreten. Es fehle an Kontinuität, dadurch komme es zu „Drehtüreffekten“ und hohen Kosten. Ambulantisierung könne hier helfen, sei aber „kein Selbstläufer“. Sie brauche Strukturen, stärkere Vernetzung und Unterstützung bei der Therapie-Adhärenz.
Berit Schoppen, Leiterin der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der DAK-Gesundheit, rückte den Zugang zur Versorgung in den Mittelpunkt. Krankenkassen könnten hier viel beitragen, weil sie Versorgungsverläufe sehen, Versicherte begleiten und Strukturen unterstützen könnten. Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, betonte, die Betreuung chronisch Kranker sei ein sektorenübergreifendes Thema, bei dem es vor allem um Information und Koordination gehe. Er sprach sich außerdem dafür aus, medizinische Verfahren stärker von bürokratischen Verfahren zu entkoppeln. Das könne helfen, DMP-Programme zu entbürokratisieren und „flexibler und schneller“ zu gestalten.
Robotik und KI im Echtbetrieb: Fortschritt trifft Verantwortung
Prof. Prof. h.c. Dr. Thomas Lenarz, Mitglied, acatech – National Academy of Science and Engineering und INI International Neuroscience Institute Hannover GmbH, gab einen eindrucksvollen Überblick über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Robotern im Gesundheitswesen – etwa in der Diagnostik, Chirurgie und Pflege sowie in seinem persönlichen Fachgebiet der Hörimplantate. „Deutschland ist im Bereich der Robotik sehr gut aufgestellt, und meine Prognose ist, dass Robotik die Medizin grundlegend verändern wird“, so Lenarz. Aber: „Das Rückgrat der Robotik ist die Digitalisierung. Ohne Daten und Datenverarbeitung können wir Robotik nicht denken und nicht realisieren.“
Über die Rolle von KI im Gesundheitswesen von NRW berichtete Stephan Pohlkamp, Referent Vertragsärztliche Versorgung, Digitalisierung im Gesundheitswesen GKV, Ministerium für Arbeit Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen: „KI ist in unserem Versorgungsalltag angekommen, allerdings ohne einen klaren Rahmen dafür, wie sie verantwortungsvoll und sicher eingesetzt werden.“ Der Landtag habe das Ministerium deshalb beauftragt, eine KI-Strategie Gesundheit für NRW zu entwickeln. Der Prozess sei vor kurzem gestartet worden. „Bis Ende 2026 werden wir erste belastbare Aussagen vorlegen können“, so Pohlkamp. Auf der Agenda u.a.: KI und klinische Entscheidungsfindung, KI in der Pflege, aber auch Transparenz und Haftung. Dr. Markus Vogel, MBA, Chief Medical Information Officer, Microsoft Health & Life Sciences betonte, dass es vor allem Vertrauen brauche an der Schnittstelle zwischen dem technischen. Portfolio und den klinischen Notwendigkeiten, damit die Technik wirklich den Patienten zugutekommt.
Vom Ausbildungsdschungel zur Struktur: Interprofessionelle Ausbildung als Lösung? „Ja!“, sagt Prof. Dr. Brit Schneider, Professorin für Gesundheitsökonomie, Internationale Hochschule (IUB): „Die interprofessionelle Ausbildung bringt den Studierenden einen Perspektivwechsel, ein tieferes Verständnis für die Aufgaben und Handlungsweisen anderer Professionen und vor allem ein tieferes Verständnis für die Patientinnen und Patienten.“ Prof. Dr. David Matusiewicz, Dekan für Gesundheit und Soziales, FOM-Hochschule für Ökonomie & Management hielt dagegen: Die Versorgungsrealität in vielen Kliniken sei alles andere als interprofessionell, da herrsche eher Silo-Denken und im Gesundheitswesen „dort draußen“ erst recht - währenddessen ein Zug namens KI vorbeirausche. Interprofessionalität bedeute heute vielleicht eher, neue Berufsbilder zu finden für Menschen, die Technologie, Medizin und Heilberufe vereinen. Also eine Person, die mehrere Aufgaben übernehme, statt mehrere, die zusammenarbeiten.
Zu viel Formular, zu wenig Versorgung: Was wirklich aus dem System muss
Die Session zeigte: Bürokratieabbau darf nicht bei einzelnen Formularen stehen bleiben, sondern muss tiefer ansetzen: bei Vertrauen und Freiräumen. Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, zeigte sich „zutiefst davon überzeugt“, dass Krankenhäuser effizienter versorgen könnten, „wenn man sie denn lässt“. Dafür brauche es mehr Vertrauen und einen stärkeren Fokus auf Ergebnisqualität statt auf kleinteilige Struktur- und Prozessvorgaben. Entscheidend sei aber ein Umdenken: „Wenn wir nicht umdenken und den Krankenhäusern Vertrauen entgegenbringen, die Ressourcen klug und im Sinne der Patienten einzusetzen, dann werden wir beim Bürokratieabbau scheitern.“ Gaß plädierte deshalb dafür, eine größere Zahl von Vorgaben zunächst auszusetzen und anschließend zu prüfen, welche davon tatsächlich einen messbaren Einfluss auf die Qualität der Versorgung haben.
Jürgen Heinrich, früherer Stadtdirektor von Bielefeld, sprach sich ebenfalls für pragmatisches Vorgehen aus. Er schlug vor, auch im Gesundheitswesen mit Modellregionen zu arbeiten: Statt lange über mögliche Maßnahmen zu räsonieren und Gutachten zu schreiben, solle man in einer Region bestimmte Vorschriften für drei Jahre aussetzen, die Folgen beobachten, auswerten und daraus Schlüsse ziehen. Seine Botschaft: Bürokratieabbau müsse praktisch erprobt werden – nicht nur auf dem Papier.
Digitales Produktivitäts-Paradox vermeiden: Wo liegt die Dividende in der Digitalisierung?
Eine interessante Frage, die Dr. Anke Diehl, M.A., Chief Transformation Officer, Universitätsmedizin Essen, stellte. „Digitalisierung kostet Zeit, Geld und Nerven, doch sie zahlt sich aus, wenn eine echte Demokratisierung der Prozesse stattfindet“, sagt Prof. Dr. Christof von Kalle, BIH-Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften, Berlin Institute of Health, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Das bedeute auch, die ePA ernst zu nehmen. Zudem müsse ein Umdenken im Datenschutz stattfinden, Menschen hätten auch ein „Recht auf Gefundenwerden“ für relevante Informationen und Studien. Michael Franz, Executive Relations DMI GmbH & Co. KG: „Wenn man Digitalisierung nur als Installierung versteht, dann haben wir nicht transformiert.“ Die Dividende sei aber nicht nur das Monetäre, sondern auch die Frage, ob Versorgung besser geworden sei, und Leid gemindert oder gar verhindert werden konnte. „Ich glaube, dass Digitalisierung, insbesondere in Diagnostik und Therapie viel Leid verhindert hat.“ Zu häufig werde an einer Stelle gesucht, Digitalisierung werfe an „Tausenden von kleinen Stellen“ Dividende aus, so Franz. Für Dr. Daniela Hütwohl, Stellv. ärztliche Leitung Zentrum für Künstliche Intelligenz Medizininformatik und Datenwissenschaften, Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum GmbH, steht zum Thema Dividende fest: „Das Ziel der Digitalisierung muss immer eine bessere Patientenversorgung sein und nicht die Systemoptimierung.“
Rolle der Prävention in der Rehabilitation und in der Pflege
Ein wichtiges Thema, das von Nina Boes, Leiterin der Abteilung für Rehabilitation, Deutsche Rentenversicherung Westfalen, eröffnete: „Wenn wir uns vor Augen führen, dass sich das Erwerbstätigenpotenzial sukzessive reduziert, nehmen Prävention und Rehabilitation eine immer größere Bedeutung ein in Sachen Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit unserer Versicherten.“ Die DRV Westfalen habe im letzten Jahr ihr Budget überschritten, weil die Leistungen qua Gesetzgebung immer stärker zunehmen, „und wir uns auf die Fahnen geschrieben haben, keine Reha nach Kassenlage zu machen“. Boes: „Wenn ich die Leistungen ausweite, muss ich auch Geld dafür in die Hand nehmen, was für mich bedeutet, das Budget für Reha entsprechend anzupassen.“ Man müsse sehen, wohin die Reise gehe. Dr. Johannes Nießen, Kommissarischer Leiter Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, kritisierte, dass die Anreize für Prävention „finanziell sehr unterausgestattet“ seien. Dennoch gelte es den Grundsatz „Prävention vor Reha vor Rente“ umzusetzen. Thomas Eisenreich, Geschäftsführer Home Instead GmbH und Sprecher der Ruhrgebietskonferenz Pflege: „Wir unterscheiden uns vom klassischen Pflegedienst dadurch, dass wir Zeit mitbringen. Bei uns gibt es keine Dienstleistung unter anderthalb Stunden, in denen wir eben auch aufsuchende Präventionsarbeit leisten können.“ Häufig würden Präventionsangebote wie Gruppentreffen scheitern, weil die Menschen nicht immer dort hinfahren könnten. Prof. Dr. Notburga Ott, Vorstand, wir pflegen NRW e.V. kritisiert, dass Verhaltensprävention wichtig sei, aber in der Pflegeversicherung strukturell zu spät komme. Ott: „Wir müssen Verhaltensprävention sektorenübergreifend angehen, im Prinzip geht es um gesunde Lebensgestaltung, auch im öffentlichen Raum.“ Pflegebedürftige würden alle zwei Wochen in ein Therapiebad gefahren. „Warum haben wir in den Kommunen keine Schwimmbäder mehr, um ein Leben lang täglich schwimmen zu gehen?“
Die Abschlussveranstaltung des Gesundheitskongress des Westens 2026 trug den Titel: Qualität. Produktivität. Wettbewerbsfähigkeit. Warum Deutschland sein Gesundheitssystem neu denken muss. Der wissenschaftliche Leiter des Kongresses, Prof. Dr. Josef Hilbert, zog sein Resümee: „Auf diesem Kongress haben wir in den Diskussionen erfahren: ‚Die Lage ist ernst – aber sie ist nicht hoffnungslos.‘. Wir haben noch ein paar Dinge in petto, mit denen wir agieren und mit denen wir uns hoffentlich nicht nur bei den Patientinnen und Patienten, sondern auch international sehen lassen können. Ich glaube: Mit dem Flop des Systems lassen wir uns noch ein bisschen Zeit.“ Kongresspräsident Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Max Einhäupl blieb auch in diesem Kongressjahr bei seiner Aussage, dass Deutschland „das beste Gesundheitssystem der Welt“ habe, relativierte aber erstmals: „Das liegt nicht daran, dass wir so gut sind, sondern daran, dass die anderen im Moment noch schlechter sind als wir.“ Wenn wir jetzt nicht ganz schnell „aus den Socken kommen, werden wir gewaltig abstürzen“. Kongressleiterin Claudia Küng eröffnete als Moderatorin schließlich die Diskussions-Runde zum Session-Titel in Richtung Prof. Dr. Boris Augurzky, Geschäftsführer hcb GmbH, zur Lage der Krankenhäuser. „Ich will mal optimistisch anfangen. Wenn wir sehen, wieviel Personal und wie viele verschiedenen Gesundheitsberufe wir im Gesundheitswesen haben, sind wir richtig gut ausgestattet. Damit können wir wirklich etwas machen“. Die Frage sei, wie diese verschiedenen Personen und nebenbei auch Kapital so zu kombinieren sei, dass ein maximaler Effekt entstehe. „Das bekomme ich am besten hin, wenn ich den Akteuren vor Ort die Möglichkeit zum Umsetzen und Gestalten gebe“, so Augurzsky. „Da muss man dann auch weg von der Idee, dass es überall gleich sein muss.“ Melanie Gerster, Referentin für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. fand es „spannend“, auf den zwei Kongresstagen „mit so vielen Praktikerinnen und Praktikern“ zu tun gehabt zu haben. Viele gute Lösungen und Best-Practice-Beispiele seien bereits da. Diese Ideen, Innovationen und die Motivation müsse die Politik nun vorantreiben. Dr. Michael Brinkmeier, Vorstand Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hatte das Anliegen: „Ich möchte hier in meiner Rolle nochmal das störende Element einbringen – den Patienten. Wir werden den Laden nicht retten könne, wenn wir es nicht schaffen, gedanklich zwischen Versorgung und dem Management von Versorgung zu unterscheiden.“ Das werde immer in einen Topf geworfen. Das Problem für Schlaganfall-Patienten sei nicht nur, dass sie die Krankheit hätten, sondern beispielsweise nach der Reha zuhause „eine Welt zusammenbricht“, weil Unterstützung und Versorgung fehlten. Aus der Perspektive der Betroffenen sei dies „dramatisch“. „Und ich spreche nur für den Schlaganfall. Die Leute können nicht mehr.“
Der Gesundheitskongress des Westens ist der führende Kongress für Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft im Westen Deutschlands.
Im nächsten Jahr findet der Kongress am 20. und 21. April 2027 statt.
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