Rückblick auf den Gesundheitskongress des Westens am 3. und 4. Mai 2022

Spannende neue Impulse, kontroverse Diskussionen und endlich wieder persönlicher Austausch: Der 16. Gesundheitskongresses des Westens fand vor über 500 Teilnehmern im Kölner Gürzenich statt.

Ideen und Impulse für nachhaltige Strukturen auf den Weg gebracht

Es war ein gelungener Eröffnungstag, mit dem der 16. Gesundheitskongress des Westens unter dem Motto „Lasst uns nachhaltige Strukturen schaffen!“ gestartet ist: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hielt einen spannenden Vortrag, in dem er davor warnte, den Fachkräftemangel in der Pflege nicht nachhaltig genug zu verfolgen („Die Situation in der Pflege wird uns um die Ohren fliegen, wenn wir nichts ändern.“).

Prof. Dr. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Uniklinikum Bonn, rief in seinem Impulsvortrag dazu auf, das Infektionsgeschehen angesichts sinkender Corona-Fallzahlen nicht zu unterschätzen, auch wenn es wahrscheinlich sei, dass wir „durch das Gröbste durch“ seien.

Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach, der seinen Kongressauftritt aus Termingründen kurzfristig absagen musste, sendete ein persönliches Grußwort, in dem er den Gesundheitskongress des Westens als „einen vortrefflichen Anlass“ hervorhob, um über das Thema Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung zu diskutieren.

„Wer, wenn nicht wir, kann und muss einen Beitrag zur Lösung der bestehenden Probleme im Gesundheitswesen leisten“, stimmte Kongresspräsident Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Max Einhäupl die Teilnehmenden auf die kommenden zwei Tage ein. Kongressleiterin Claudia Küng wies darauf hin, dass nur 10 Jahre zur Verfügung ständen, bis die Babyboomer in Rente gingen. Sie lege aber viel Hoffnung auf die junge Power-Generation, der man mehr Gestaltungsräume geben sollte.

Hochaktuelles Thema auf dem Kongress war natürlich auch die Pandemiebekämpfung aus Sicht der Krankenhäuser. Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, und Leiter des DIVI-Intensivregisters riet angesichts der „demografischen Wand“, die auf unser Gesundheitswesen zukomme und „kaum beherrschbar“ sei, nun „nach vorn zu gucken“ und sich um das zu kümmern, was wichtig sei. Eine gute Blaupause für die Zukunft sei es, die Krankenhäuser in drei Level einzuteilen und die Patientenallokation zentral zu steuern, wie man es mit Hilfe des Intensivregisters an der Charité in Berlin gemacht habe. „Das Level-System ist eines der Dinge, die wir mit in die Zukunft nehmen sollten“, so Karagiannidis.

Aufmerksam verfolgt wurde auch der Vortrag von Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, der zum Thema „Reform des G-BA“ gefordert wurde. Er griff die wesentlichen Kritikpunkte zum G-BA auf: „zu langsam“, „zu mächtig“, „zu undemokratisch“. Er widersprach heftig, unterlegt mit den entsprechenden Gegenbeispielen. Die Entscheidungsfindung würde immer härter: „Der medizinisch-technische Fortschritt bricht uns das Genick“, prognostizierte Hecken. Er regte eine Diskussion darüber an, ob Solidarität sich wieder auf den Grundsatz konzentrieren sollte, dass die Gesellschaft nur noch die Dinge finanziere, die die Kraft des Einzelnen überfordere.


Auch der Impulsvortrag von Prof. Dr. Holger Holthusen, Medizinischer Direktor der Knappschaft Kliniken GmbH, zum Pro und Contra der Systempartnerschaften bewegte das Publikum: „Die jahrelange mangelnde Innovationsfinanzierung seitens der Länder hat dazu geführt, dass wir in den Klinken eine Infrastruktur haben, die häufig überaltert ist“, berichtet er über die Ausgangslage und zeigte spannende Möglichkeiten durch Technologie- und Systempartnerschaften auf.

Christoph Dammermann, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW, hielt einen Vortrag zum „Glücksfall Pharmastandort Deutschland“ und die Frage, wie sich dieses Glück verstetigen ließe. „Wir sind einer der attraktivsten, leistungsfähige und attraktivsten Pharmastandorte weltweit mit 143.000 Beschäftigten 2021 und einem Umsatz von 53 Milliarden Euro.“ Nun gehe es darum, neue innovative Produkte aus Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Es werde eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, die seit der Corona-Pandemie einen noch größeren Stellenwert bekommen habe.

Um regionale Versorgungskonzepte als Schlüssel zur Zukunft ging es im Impulsvortrag von Maria Klein-Schmeink, MDB, Bündnis 90/Die Grünen. In der anschließenden Diskussion u.a. mit Klaus Overdiek, Leiter der DAK-Landesvertretung NRW, griff Dr. Volker Schrage, stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, das Kongressmotto auf: „Ich glaube, dass es an den nachhaltigen Strukturen in der regionalen Versorgung krankt. Es gibt viele Ideen, aber sind sie wirklich nachhaltig?“ Daran müsse gemeinsam gearbeitet werden.

Zum Ende des ersten lebendigen Diskussionstages rückte das Thema Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen nochmal in den Mittelpunkt: Dr. Eckart von Hirschhausen, Gründer der Stiftung „Gesunde Erde - Gesunde Menschen“ moderierte die Session der Best-Practice-Beispiele, die unser Gesundheitssystem schon jetzt nachhaltig verändern. „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ so der Mediziner, „überall passieren Grenzverletzungen der planetaren Gesundheit, und ich möchte euch dazu bewegen, selber etwas zu bewegen“, rief er ins Publikum. „Die Menschen vertrauen genau euch, die im Gesundheitswesen arbeiten. Werdet aktiv und informiert darüber, wie jeder durch eine klima- und umweltfreundliche Lebensweise sich selbst und unserem Planeten etwas Gutes tun kann.“ Beim anschließenden Come-Together ist der erste spannende Kongresstag ausgeklungen.

Moderatorin Sarah Peuling, Senior Business Manager der CompuGroup Medical, eröffnete am zweiten Kongresstag die Session Chancen und Potentiale für mehr Nachhaltigkeit: Mit auswertbaren Daten in die Versorgung steuern: „Das Thema Digitalisierung ist in fast jeder Session des Kongresses allgegenwärtig, sie ist in allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft angekommen.“

Im anschließenden Impulsvortrag betonte Prof. Dr. Andreas Pinkwart, NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie: „Ein großes Themenfeld ist für uns die digitale Gesundheit. Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche und zählt zu einer unserer größten Gestaltungsaufgaben.“ Sie diene jedoch nicht dem „Selbstzweck“, sondern solle das Leben der Menschen einfacher machen, so der Minister. Er verwies auf die Digitalstrategie des Landes NRW, die 2019 erstmals verfasst wurde und inzwischen in einer 2.0-Version vorliegt. Zugleich mahnte der Minister angesichts der Corona-Krise, das Gesundheitssystem auf die Herausforderungen unserer Zeit wie zum Beispiel den demografischen Wandel und das Risiko neuer Infektionskrankheiten „noch besser“ vorzubereiten. Die Digitalisierung könne dazu beitragen, sich zu wappnen. Dazu müssten unterschiedliche Kommunikationssysteme in den Kliniken miteinander kompatibel werden, Startups der digitalen Gesundheitswirtschaft gilt es weiter zu unterstützen, aber auch Daten müssten weiterhin sicher und verlässlich zu Forschungszwecken erhoben werden, wobei die Datenhoheit immer bei den Patienten läge. Dazu seien weitere Investitionen nötig, so der Minister: „Wir dürfen nicht an der Digitalisierung sparen.“

In der Session Krankenhausplanung in NRW: Wäre das „Krankenhaus-Schließungs-Gesetz“ ein Zukunftskonzept? lieferten zwei Top-Experten spannende Impulsvorträge: Helmut Watzlawik, Abteilungsleiter Krankenhausversorgung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW, und Entwickler des neuen Krankenhausplans in NRW. Zum anderen: Prof. Dr. Reinhard Busse, FG Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, und jüngst von Gesundheitsminister Lauterbach in die Regierungskommission berufen, die Vorschläge für eine Krankenhausstrukturreform machen soll. 

Los ging es mit Helmut Watzlawik, der zunächst betonte: „Auf die Frage, ob ein Krankenhaus-Schließungs-Gesetzt ein Zukunftskonzept wäre, sage ich ganz klar Nein! Es geht in diesem Plan nicht um Schließungen, es geht um Verbindlichkeit, Transparenz und Qualität, insofern handelt es sich um einen qualitätsorientierten Krankenhausplan, mit dem wir in Zukunft mehr Verantwortung für die Krankenhauslandschaft in NRW übernehmen wollen.“

Was den Plan insbesondere ausgezeichnet habe, sei der Arbeitsprozess der letzten zwei Jahre gewesen, so Watzlawik. „Wir haben mit allen wesentlichen Akteuren gesprochen, und dieser Plan ist im Einvernehmen mit allen im Landesausschuss für Krankenhausplanung verabschiedet worden - und nicht in irgendeinem Hinterzimmer.“ Es habe einige Zweifler gegeben, die nicht für möglich gehalten hätten, mit allen Akteuren einen Krankenhausplan zustande zu bringen, aber am Ende habe es geklappt. Herausgekommen sei ein guter Kompromiss. „Wir waren uns auf jeden Fall einig, dass es so wie es jetzt läuft nicht weitergehen kann“, so Watzlawik, „es kann nicht sein, dass man dem Markt überlässt, wie sich die Krankenhäuser entwickeln. Diesen ruinösen Wettbewerb um Patienten, Fallzahlen und Personal müssen wir beenden. Wir müssen den Krankenhäusern generell und verbindlicher sagen, wer was machen darf, unter welchen Voraussetzungen.“

Prof. Busse, der 2019 als Gutachter Input für den neuen Krankenhausplan gegeben hatte, machte deutlich: „Es ist sicher der falsche Ansatz, wenn man sagt, dass es in diesem Gesetz primär um Krankenhausschließungen geht, es geht mit dem Plan darum, die Krankenhauslandschaft zu verbessern. Aber ganz klar muss man auch sagen, dass am Ende Krankenhäuser geschlossen werden müssen.“ Vor diesem „Spagat“ habe man damals auch mit Minister Laumann gestanden, dass es schwierig sei zu sagen, dass von den 330 Krankenhäusern nur 110 gebraucht würden, und 220 geschlossen werden könnten, so Busse. „Es muss ein Prozess sein, wie das qualitativ laufen kann, und die Herausforderung ist riesig.“ Unsere Krankenhausstruktur sei geprägt von extrem vielen, und vor allem vielen kleinen Krankenhäusern, so dass wir im Vergleich zu unseren Nachbarländern 50 Prozent mehr Betten und auch Fallzahlen hätten. Busse: „Einerseits verteilen sich Patienten, die zurecht im Krankenhaus sind, auf zu viele inadäquate Krankenhäuser. Andererseits haben wir zu viele Fälle, die gar nicht in einem Krankenhaus sein müssten, und dadurch ärztliches und pflegerisches Personal binden.“ Busse weiter: „Jeder denkt, wir haben zu wenig Pflegepersonal, nein, wir haben Pflegepersonal, das kümmert sich nur um Patienten, die eigentlich nicht im Krankenhaus sein müssten. Das alles führt dazu, dass es unnötig schlechte Qualität gibt.“ In der anschließenden Runde mit Josef Neumann, MdL der SPD-Fraktion des Landtages NRW, Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW, Andreas Schlüter, Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken GmbH und Sandra Leurs, Themenbeauftragte für Gesundheit und Pflege im Landesverband NRW der Piratenpartei Deutschland, wurde kontrovers diskutiert.

Ein buchstäblich hitziges Thema wurde in der Session „Krankenhaus trifft Klimaschutz“ angegangen. „Der Klimawandel macht uns krank von Kopf bis Fuß“, sagte Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin an der Technischen Universität München. Ob Lunge, Herz, Kopf - alle Bereiche würden beeinträchtigt, und vor allem die Allergien hätten zugenommen. Das größte Risiko, das durch den Klimawandel entstünde, sei die Hitze, die schon jetzt viele Menschenleben koste, so die Expertin. Prof. Traidl-Hoffmann: „Der Gesundheitssektor hat die Aufgabe, die Transformation der Gesellschaft nach vorn zu bringen. Gerade wir müssen mit der Nachricht rausgehen, dass der Klimawandel krank macht. Und wir müssen dafür sorgen, dass der Gesundheitssektor selbst nachhaltig wird. Der Klimawandel muss das Thema Nummer eins sein.“

Prof. Dr. Jochen A. Werner, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen, wundert es kaum, dass das Thema Klimawandel nun so unter den Nägeln brennt: „Wir wissen seit über 40 Jahren, dass es mit der Pflege so kommen wird, wie es jetzt ist, obwohl es viele Warnungen gegeben hat. Gleiches Thema Digitalisierung, das holt uns jetzt auch ein. Und nun haben wir das Thema Klima. Ich glaube, das ist auch ein bisschen so ein Verhalten in Deutschland, dass man versucht auszusitzen und zu sehen: ´wird schon irgendwie gehen`, das ist ein Problem.“

Die Abschlussveranstaltung des Kongresses bildete die Session: Weichenstellung – welche Impulse braucht NRW in der nächsten Wahlperiode? Nachhaltige Gesundheitspolitik und Green Health in NRW. NRW-Landtagsvertreter der Fraktionen von CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen saßen auf dem Podium, aber auch Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg und Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Sie alle hörten den aufrüttelnden Impulsvortrag von Linda Kastrup, Sprecherin von Fridays for Future: „Heute, genau an diesem Tag, ist Deutschlands Overshoot Day, das heißt, alle ökologischen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, sind schon jetzt aufgebraucht. Den Rest des Jahres leben wir auf Kosten von anderen, auf Kosten von den Menschen im globalen Süden, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben.“ Darunter Länder wie Indien, die unter extremer Hitze leiden würden, so die Aktivistin. „Flutkatastrophen, Hitzewellen, Dürreperioden und Schneestürme sind Folgen der Krise, auf die wir zurennen. Wir leben auf einem kranken Planeten, und der Parasit sind wir. Und es wird schlimmer werden.“ Passieren würde allerdings nichts, beklagt die 22-Jährige. Da würde von der Politik viel zu wenig kommen. Es brauche erst Katastrophen wie in Nordrhein-Westfalen oder im Rheinland, damit Klimaschutz für ein paar Wochen auf die Agenda käme. Kastrup: „Bei der Katastrophe im Ahrtal wurden mehrere Krankenhäuser und zahlreiche Arztpraxen zerstört. Das heißt, wir haben mehr Menschen, die durch diese Krise krank werden, und gleichzeitig ein System, das unter dieser Krise kaputt geht. Wie soll das funktionieren?“

Kastrup, die Erziehungswissenschaften studiert, forderte u.a. einen Umstieg auf erneuerbare Energien, um die Emissionen zu senken, und gleichzeitig Feinstaubbelastung und Luftverschmutzung zu verringern. Aber auch das Gesundheitssystem selbst, das hierzulande fünf Prozent der Emissionen pro Jahr ausmache, müsse sich umstellen. So würde beispielsweise die Überdiagnostik in Kliniken zu einer Vergeudung von Ressourcen führen. Kastrup: „Das Gesundheitssystem macht Milliardengewinne, nur darf der Profit nicht vor Menschen stehen. Es muss sich etwas ändern, damit der Overshoot Day wieder am Ende des Jahres stattfinden kann. Wir brauchen ein gesundes Klima für gesunde Menschen.“

Dr. Frank Bergmann: „Ich denke bei dem Stichwort Green Health an die Gesundheit unserer Patienten und an nachhaltige Versorgungspolitik.“ Linda Kastrup würde er in dem Zusammenhang zustimmen, was „ihre Kritik an den Gesundheitskonzernen angeht, und deren Verpflichtungen gegenüber dem Shareholder Value und manchmal weniger gegenüber den Versorgungsaspekten. Das treibt uns im Bereich der stationären und ambulanten Versorgung um“, so der KV-Vorsitzende.

AOK-Vorstand Günter Wältermann sprach sich für eine Limitierung der Gewinnmargen im Gesundheitswesen aus: „Das heißt nicht, dass wie weniger ausgeben wollen, aber vielleicht sollten wir in strukturelle Maßnahmen investieren, um den CO2-Fußabdruck bewusst zu verkleinern.“

So ging auch der zweite Tag des Gesundheitskongresses des Westens zu Ende. Wir sind sicher: Viele Ideen und Impulse für nachhaltige Strukturen sind auf den Weg gebracht worden!

Der nächste GdW wird am 3. und 4. Mai 2023 in Köln stattfinden. Kommen Sie wieder, seien Sie dabei - wir freuen uns auf Sie!